Herbst-Tag-und-Nachtgleiche

  • Berater: Liebeguteseele
  • Veröffentlicht: 23.09.2026 11:16 Uhr
  • Thema: Mond
Herbst-Tag-und-Nachtgleiche – wenn Licht und Dunkelheit im Gleichgewicht stehen

Die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche trägt verschiedene Namen, je nachdem, aus welcher Tradition wir auf diesen besonderen Zeitpunkt im Jahreskreis schauen. Bei unseren germanischen Vorfahren war diese Zeit eng mit dem Erntedank und dem Herbstopferfest verbunden. Die Ernte war weitgehend eingebracht und den Göttern wurde für das gedankt, was die Erde hervorgebracht hatte. Viele von uns Heiden nennen die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche heute Mabon. Mabon steht für Ernte, Dankbarkeit, Gleichgewicht und den Übergang von der hellen in die dunkle Jahreshälfte.
 
Bei den Römern beziehungsweise in der lateinischen Sprache begegnet uns der Begriff aequinoctium. Daraus entstand unser heutiges Wort Äquinoktium. Das Wort erklärt bereits sehr genau, was an diesem Tag geschieht: Aequus bedeutet „gleich“ und nox bedeutet „Nacht“. Aequinoctium bedeutet also sinngemäß gleiche Nacht. Gemeint ist der besondere Zeitpunkt, an dem Tag und Nacht nahezu gleich lang sind.
 
Zweimal im Jahr gibt es einen besonderen Moment im Lauf der Sonne. Einmal im Frühling und einmal im Herbst stehen Licht und Dunkelheit fast genau im Gleichgewicht. Der helle Tag und die Nacht dauern jeweils ungefähr zwölf Stunden. Der Unterschied beträgt bei uns nur wenige Minuten. Im Frühling verändert sich danach das Jahr in Richtung Licht. Die Tage werden länger, die Nächte kürzer und die Natur erwacht. Im Herbst geschieht das Gegenteil. Von nun an werden die Nächte länger. Die Sonne verliert jeden Tag etwas mehr von ihrer sichtbaren Zeit am Himmel und die Natur beginnt, ihre Kräfte zurückzuziehen.
 
Für uns Heiden ist dieser Wandel weit mehr als ein Datum im Kalender. Wir richten unseren Blick auf Sonne, Mond, Erde und Jahreszeiten. Genau darin liegt ein wichtiger Teil unserer Religion: Die Natur ist nicht etwas, das neben unserem Leben stattfindet. Wir sind Teil von ihr. Auch unsere germanischen Vorfahren lebten unmittelbar mit diesen Kräften. Der Stand der Sonne bestimmte ihren Tagesablauf, die Jahreszeit ihre Arbeit und die Ernte entschied darüber, ob genügend Nahrung für den Winter vorhanden war.
 
Die Natur war ihr Kalender. Sie mussten nicht auf ein Handy schauen, um zu wissen, dass der Herbst beginnt. Sie sahen es an der Sonne, bemerkten es am Morgennebel, an den kühleren Nächten und an den ersten Blättern, die ihre Farbe wechselten. Sie sahen die reifen Äpfel an den Bäumen, das Getreide auf den Feldern und die Früchte, die nun gesammelt werden mussten. Auch für uns Heiden ist der Herbst deshalb eine wichtige Schwelle im Jahreskreis.
 
Wenn Licht und Dunkelheit im Gleichgewicht stehen

Wie oben bereits erklärt, kennen wir diese besondere Zeit bei uns Heiden als Mabon, während bei den Römern der lateinische Begriff aequinoctium, unser heutiges Äquinoktium, verwendet wurde. Nun schauen wir darauf, was an diesem Zeitpunkt am Himmel geschieht.
 
Wir sagen im Alltag ganz einfach: Der Tag ist genauso lang wie die Nacht. Astronomisch gibt es einen kleinen Unterschied. Der helle Tag dauert bei uns einige Minuten länger als die Nacht. Das hat unter anderem damit zu tun, dass wir beim Sonnenaufgang bereits den oberen Rand der Sonne sehen und beim Sonnenuntergang warten, bis auch der letzte sichtbare Rand verschwunden ist. Außerdem wird das Licht der Sonne in unserer Atmosphäre leicht gebogen. Wir sprechen also nicht von Stunden Unterschied, sondern nur von wenigen Minuten.
 
Für das Verständnis der Tag-und-Nachtgleiche können wir deshalb sagen: Licht und Dunkelheit stehen im Gleichgewicht. Dieser Zustand tritt zweimal im Jahr ein, einmal im März und einmal im September. Im März beginnt auf unserer Seite der Erde der astronomische Frühling. Danach werden die Tage länger als die Nächte. Im September beginnt der astronomische Herbst. Danach werden die Nächte länger als die Tage.
Das geschieht, weil die Erde nicht gerade im Raum steht. Ihre Achse ist geneigt. Während die Erde die Sonne umkreist, verändert sich deshalb, wie viel Sonnenlicht die nördliche und die südliche Hälfte der Erde erhalten. Zur Tag-und-Nachtgleiche ist keine dieser beiden Erdhalbkugeln deutlich stärker der Sonne zugeneigt. Genau darin liegt das Gleichgewicht. Die Sonne geht an diesen Tagen beinahe genau im Osten auf und beinahe genau im Westen wieder unter. Danach dreht sich das Rad weiter.

Für uns Heiden ist das Jahr ein Kreis

Für uns Heiden ist die Zeit nicht einfach nur eine gerade Linie, auf der ein Jahr beginnt und irgendwann endet. Wir erleben sie als Kreis. Frühling wird zu Sommer, Sommer wird zu Herbst, Herbst wird zu Winter und Winter wieder zu Frühling. Alles verändert sich und alles kehrt wieder.
 
Auch der Mensch lebt in diesem Kreis. Wir werden geboren, wir wachsen, wir werden älter und wir geben etwas weiter. Irgendwann sterben wir, doch das Leben selbst endet dadurch nicht. Kinder werden geboren, Pflanzen wachsen neu, Tiere bringen Junge zur Welt und Samen keimen. Aus dem Alten entsteht das Neue.
Der heidnische Jahreskreis spiegelt diese Ordnung. Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen bilden wichtige Punkte dieses Kreises. Dazwischen liegen weitere Festzeiten, die mit Fruchtbarkeit, Ernte, Sippe, Ahnen, Haus, Göttern und Natur verbunden sind.
 
Diese Religion gehört deshalb nicht nur in die Vergangenheit. Es gibt Heiden heute, und immer mehr Menschen beschäftigen sich wieder mit den alten vorchristlichen Religionen Europas, mit ihren Göttern, ihren Naturbildern und ihren Jahreskreisen. Die alten griechischen Götter verschwinden nicht dadurch aus der Geschichte, dass Griechenland später christianisiert wurde. Genauso wenig verschwinden die germanischen Götter, Bräuche und Vorstellungen dadurch, dass das Christentum später große Teile Europas geprägt hat.
 
Für uns Heiden bedeutet die Beschäftigung mit diesen alten Religionen deshalb keine Reise in eine tote Vergangenheit. Wir bringen einen Teil unserer alten europäischen religiösen Kultur wieder in unser heutiges Leben. Die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche gehört dazu. Sie steht an einer besonderen Stelle im Jahreskreis. Hinter uns liegt die Zeit der großen Helligkeit, vor uns liegt die dunkle Zeit. Für einen kurzen Moment begegnen sich beide Kräfte. Licht und Dunkelheit stehen nebeneinander, danach beginnt die Dunkelheit langsam mehr Raum einzunehmen.
 
Das bedeutet im heidnischen Denken nicht, dass nun etwas Böses beginnt. Dunkelheit ist kein Feind. Sie gehört zum Leben. Ohne Nacht gibt es keinen Schlaf, ohne dunkle Erde kann kein Samen keimen. Wurzeln wachsen unter der Erde und nicht im Sonnenlicht. Ein Kind wächst im Schutz des dunklen Mutterleibes. Viele Dinge beginnen dort, wo wir zunächst nichts sehen. Darum besitzt die Dunkelheit ihre eigene Kraft. Der Sommer steht für das Leben, das sich nach außen entfaltet. Der Winter steht für die Kraft, die sich nach innen zurückzieht. Der Herbst ist der Übergang zwischen beiden.
 
Mabon – das Fest der Ernte und des Dankes

Viele Heiden feiern diese Zeit heute als Mabon. Der Name Mabon führt in die keltische Götter- und Sagenwelt. Mabon ist der Sohn der Modron. Sein Name steht in Verbindung mit Maponos. In der Erzählung verschwindet Mabon aus der sichtbaren Welt und wird später wieder befreit.
 
Dieses Bild passt zur Herbstzeit. Auch die Sonne scheint nun jeden Tag ein wenig mehr aus unserer Welt zu verschwinden. Natürlich verschwindet die Sonne nicht wirklich, doch ihre tägliche Zeit am Himmel wird immer kürzer. Im Hochsommer ist es lange hell. Im September merkt man deutlich, dass die Abende früher dunkel werden. Im Oktober wird dieser Unterschied noch stärker und im November stehen wir mitten in der dunklen Zeit.
 
Mabon liegt genau an diesem Übergang. Darum ist es ein Fest des Gleichgewichts. Gleichzeitig ist es ein Fest der Ernte. Der September gehörte früher zu den wichtigsten Monaten des ganzen Jahres. Jetzt musste alles eingebracht werden, was den Menschen im Winter ernähren sollte. Getreide wurde geerntet, Obst gesammelt, Nüsse aufbewahrt, Kräuter getrocknet, Gemüse eingelagert, Fleisch haltbar gemacht und Getränke gebraut. Die Vorratskammern füllten sich.
 
Eine volle Vorratskammer bedeutete Sicherheit. Eine schlechte Ernte konnte dagegen Hunger bedeuten. Darum hatte der Dank für die Ernte eine viel tiefere Bedeutung, als wir es heute oft empfinden. Wir gehen in einen Supermarkt und sehen volle Regale. Unsere Vorfahren sahen ihr Feld. Sie wussten genau, wo ihr Brot herkam und wie viel Arbeit in einem Sack Getreide steckte. Sie wussten auch, dass sie nicht alles kontrollieren konnten. Ein Hagelsturm konnte innerhalb weniger Minuten Teile der Ernte zerstören. Zu viel Regen konnte schaden, zu wenig Regen ebenfalls. Frost konnte Pflanzen vernichten und Unwetter Felder beschädigen. Deshalb gehörten Dank und Opfer eng zusammen. Die Menschen dankten für das, was sie erhalten hatten, und baten gleichzeitig darum, dass auch das nächste Jahr Nahrung bringen würde.
 
Die Erdgöttin und die Fülle

Im heidnischen Denken war die Erde nicht einfach nur Boden. Sie war lebendig. Aus ihr kam die Nahrung, sie nahm den Samen auf, trug ihn, ließ Pflanzen wachsen und nahm am Ende abgestorbenes Leben wieder in sich zurück. Darum stand hinter vielen Erntebräuchen die Vorstellung einer großen weiblichen Erdkraft.
Der Mensch nahm nicht nur, er gab auch zurück. Die schönsten Früchte konnten als Gabe dienen. Nüsse, Getreide, Brot, Getränke oder andere Teile der Ernte wurden den Göttern und den Kräften der Natur geopfert. Das Opfer bedeutete nicht einfach Verlust. Es war ein Austausch. Die Erde hatte gegeben, nun gab der Mensch etwas zurück.
 
Dieser Gedanke ist für die heidnische Welt wichtig. Der Mensch steht nicht über der Natur, er gehört zu ihr. Genau das sehen wir auch in einem alten Erntegedanken: Nicht alles wird genommen. Ein Teil bleibt zurück. Ein Apfel bleibt am Baum, ein Teil des Getreides bleibt auf dem Feld. Etwas wird geopfert, etwas gehört den Tieren, etwas den Göttern und etwas der Erde. Der Mensch nimmt, was er zum Leben braucht, aber er beansprucht nicht alles für sich.
 
Der letzte Apfel

Vielleicht gehst du im späten Herbst über eine alte Streuobstwiese. Die meisten Bäume sind längst abgeerntet und die Äste stehen fast leer. Dann siehst du plötzlich an einem Baum noch einen einzigen Apfel hängen. Oder an einem alten Pflaumenbaum ist noch genau eine Frucht übrig. Man könnte denken, sie sei bei der Ernte einfach übersehen worden. Doch in manchen Gegenden steckt dahinter eine alte Tradition: Die letzte Frucht bleibt am Baum.
 
Besonders in Mittelhessen, im Lahn-Dill-Kreis, im Kreis Gießen, im Kreis Limburg-Weilburg und im Taunus hat sich dieser Gedanke trotz der Christianisierung bis in unsere Zeit erhalten. Auf alten Streuobstwiesen kann man noch heute Bäume finden, an denen ein einzelner Apfel über den Winter hängen bleibt. Wenn du einen solchen letzten Apfel siehst, lass ihn hängen. Er muss nicht uns gehören. Er darf am Baum bleiben, für die Natur, für die Tiere und als Erinnerung daran, dass unsere Vorfahren nicht selbstverständlich alles nahmen, was die Erde ihnen gab.
 
Genau hier begegnet uns auch Idun, die Göttin und Hüterin der Äpfel. Ihre Äpfel schenken den Göttern Jugend und Lebenskraft. Damit wird der Apfel in der nordischen Götterwelt zu weit mehr als einer einfachen Frucht. Er steht für Nahrung, Leben und Erneuerung, und gleichzeitig trägt er seinen nächsten Anfang bereits in sich. Schneidet man einen Apfel auf, liegen in seinem Inneren die Kerne. Aus ihnen kann ein neuer Baum entstehen. Die Frucht des alten Jahres trägt damit bereits das Leben eines kommenden Jahres.
 
Das passt vollkommen zum heidnischen Jahreskreis. Im Ende liegt der Anfang. Im Herbst beginnt der Rückzug, doch dieser Herbst trägt bereits das Leben des nächsten Frühlings in sich. Wenn also auf einer alten Streuobstwiese nur noch dieser eine Apfel zwischen den kahlen Ästen hängt, erzählt er eine Geschichte: Wir nehmen nicht alles. Etwas bleibt der Natur, etwas den Tieren, etwas den Göttern und etwas für das Leben, das nach uns weitergeht.
 
Die letzte Garbe

Auch das letzte Getreide auf dem Feld hatte eine besondere Bedeutung. Getreide war Leben. Aus Korn wurde Brot und Brei, aus Getreide konnte Bier entstehen. Ein Teil musste für die nächste Aussaat aufgehoben werden. Damit enthielt die Ernte eines Jahres bereits die Ernte des kommenden Jahres.
 
Aus den letzten Korngarben wurde ein Erntedankkranz geflochten. Dieser Kranz ist ein schönes Bild für den Jahreskreis. Ein Kranz besitzt keinen Anfang und kein Ende, er führt immer weiter. Genauso bewegt sich die Natur. Die Saat wird zum Getreide, das Getreide wird geerntet, ein Teil ernährt den Menschen, ein anderer Teil wird erneut zur Saat. Aus dieser Saat wächst das nächste Getreide. Der Kreis beginnt von vorne.
 
Frey und die Fruchtbarkeit
 
Auch Frey, im Norden Freyr genannt, gehört zu den wichtigen Gottheiten, wenn wir über Fruchtbarkeit und Ernte sprechen. Frey steht für Wachstum, Fruchtbarkeit, Frieden und Fülle. Seine Kraft finden wir dort, wo etwas gedeiht: im Korn, auf den Feldern, bei den Tieren, in der menschlichen Fruchtbarkeit und im Wohlstand einer Gemeinschaft.
 
Zur Herbstzeit zeigt sich, was diese Fruchtbarkeit hervorgebracht hat. Das, was im Frühling begann, ist nun reif. Zum Herbstopferfest wurde Frey mit Gaben geehrt. Auch Bier und gemeinsames Essen gehörten zur Feier. Der gemeinsame Trunk hatte dabei mehr Bedeutung als einfaches Feiern. Gemeinsam zu trinken und zu essen verband die Menschen miteinander. Familie und Sippe rückten zusammen. Man wusste: Der Winter kommt, nun brauchte man einander.
 
Vom Herbstfest zu den Winternächten

Mit der Herbst-Tag-und-Nachtgleiche beginnt der Weg immer weiter in die dunkle Jahreszeit. Doch sie ist noch nicht der tiefste Punkt des Jahres. Nach ihr folgen weitere Übergänge. Die Nächte werden länger, die Ernte endet, das Vieh wird versorgt, Vorräte werden geprüft und das Leben verlagert sich immer stärker vom Feld zum Haus.
 
Später folgen im heidnischen Jahreskreis die Winternächte. Sie sind stark mit den Ahnen, dem Rückzug und dem Übergang zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt verbunden. Die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche steht damit an einer Schwelle. Noch ist Licht da, doch die Dunkelheit wächst.
 
Warum Gleichgewicht so wichtig ist
 
Die Tag-und-Nachtgleiche zeigt etwas, das weit über die Astronomie hinausgeht. Licht und Dunkelheit stehen sich nicht als Gut und Böse gegenüber. Beides wird gebraucht. Ohne Licht wächst nichts, aber ohne Dunkelheit gibt es keine Ruhe. Samen liegen im dunklen Boden, Kinder wachsen im dunklen Mutterleib, Menschen schlafen in der Nacht und Wurzeln wachsen verborgen unter der Erde. Vieles, was später sichtbar wird, beginnt im Dunkeln.
 
Darum bedeutet die dunkle Jahreszeit nicht, dass etwas schlecht wird. Die Kraft verändert ihre Richtung. Im Sommer geht sie nach außen, im Winter geht sie nach innen. Die Bäume zeigen uns das deutlich. Sie werfen ihre Blätter ab, versuchen nicht, den Sommer festzuhalten, sparen ihre Kraft und ziehen sich zurück. Genau dadurch überleben sie.
 
Was Mabon heute bedeuten kann

Auch heute können wir Heiden die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche bewusst feiern. Wir leben anders als unsere Vorfahren. Viele Menschen bestellen Lebensmittel per App, Licht kommt aus der Steckdose und unsere Wohnungen sind beheizt. Der Winter entscheidet für die meisten von uns nicht mehr unmittelbar darüber, ob genug Nahrung vorhanden ist.
 
Trotzdem leben wir noch immer auf derselben Erde. Wir brauchen Wasser, Nahrung, Sonne, Pflanzen und fruchtbaren Boden. Kein technischer Fortschritt hat diese Wahrheit aufgehoben. Darum kann Mabon heute wieder zu einem bewussten Dankfest werden. Nicht als nachgespieltes Schauspiel, sondern als lebendige heidnische Tradition.
 
Wir können uns fragen, was wir in diesem Jahr geerntet haben. Das muss nicht nur Getreide oder Obst sein. Vielleicht ist etwas in unserem Leben gewachsen: eine Freundschaft, ein Projekt, eine Fähigkeit, ein neues Zuhause, eine Erkenntnis, etwas, für das wir gekämpft haben, oder etwas, das endlich Früchte trägt. Ernte bedeutet immer: Etwas, das vorher wachsen musste, ist nun reif.
 
Auch Loslassen gehört zum Herbst

Der Herbst zeigt uns aber noch etwas anderes. Nicht alles soll bleiben. Der Baum hält seine alten Blätter nicht fest, sondern lässt sie fallen. Nicht weil mit ihnen etwas falsch ist, sondern weil ihre Zeit vorbei ist.
Genau darin liegt eine weitere Kraft dieser Jahreszeit. Wir dürfen anschauen, was seine Aufgabe erfüllt hat. Welche Gewohnheit brauchen wir nicht mehr? Welche Last tragen wir weiter, obwohl ihre Zeit vorbei ist? Wo halten wir etwas fest, das längst gehen will? Der Herbst zwingt die Natur nicht zum Loslassen. Loslassen gehört zu ihrer Ordnung.
 
Ein Fest zwischen zwei Welten

Die Herbst-Tag-und-Nachtgleiche ist deshalb viel mehr als ein Datum im Kalender. Sie ist ein Tor zwischen zwei Hälften des Jahres. Hinter uns liegt die Zeit des Wachsens, vor uns die Zeit des Rückzugs. Für einen kurzen Moment stehen Licht und Dunkelheit beinahe gleichberechtigt nebeneinander, dann dreht sich das Rad weiter.
 
Die Dunkelheit wächst, aber sie wird nicht für immer herrschen. Nach dem Herbst kommt der Winter und nach dem Winter kehrt das Licht zurück. Nach dem Tod wächst neues Leben. Das wussten unsere Vorfahren, weil sie die Natur beobachteten. Sie mussten dafür kein Buch lesen. Der Wald zeigte es ihnen, das Feld, die Sonne, der Mond und die Tiere.
 
Genau deshalb ist der heidnische Jahreskreis bis heute lebendig. Er erzählt uns nicht von einer vergangenen Welt, sondern von derselben Erde, auf der wir heute stehen. Wenn wir zur Herbst-Tag-und-Nachtgleiche auf ein abgeerntetes Feld schauen, einen Apfel vom Baum nehmen oder morgens den ersten kühlen Nebel sehen, erleben wir denselben Wandel, den Menschen vor vielen Jahrhunderten erlebt haben.
Das Rad dreht sich weiter. Das Licht zieht sich zurück, die Erde nimmt ihre Kraft wieder in sich auf. Wir danken für die Fülle, wir geben zurück, wir lassen los und gehen mit der Natur in die dunkle Hälfte des Jahres. Denn wir wissen: Das Rad dreht sich weiter.
 
Das Kartoffelfeuer – eine Erinnerung an die Erntezeit

Wer auf dem Land groß geworden ist, kennt diesen Anblick vielleicht noch. Nach der Kartoffelernte wurden die trockenen Kartoffelblätter und das Kartoffelkraut auf dem Feld zusammengetragen und verbrannt. Über den Äckern hing Rauch, es roch nach Feuer und Erde, und nicht selten landeten einige Kartoffeln direkt in der heißen Glut. Für Kinder war das Kartoffelfeuer ein Erlebnis, für die Erwachsenen gehörte es zur Arbeit nach der Ernte.
 
Heute sieht man diese Feuer kaum noch. Mit der Zeit wurden offene Feuer auf den Feldern aus Gründen des Umwelt- und Brandschutzes immer stärker eingeschränkt. Das Kartoffelkraut wird heute meistens anders entsorgt oder verwertet. Deshalb verschwand das Kartoffelfeuer nach und nach aus unserer Landschaft.
Doch wer es noch erlebt hat, erinnert sich an mehr als ein Feuer. Es gehörte zum Ende der Kartoffelernte, zu einer Zeit, in der die Arbeit auf dem Feld abgeschlossen wurde. Feuer, Rauch, Erde und Ernte kamen noch einmal zusammen. Darin liegt eine Verbindung zu alten Erntebräuchen, auch wenn das Kartoffelfeuer später im Alltag nicht mehr bewusst als religiöses Ritual verstanden wurde.

Solche Bräuche zeigen, wie lange alte Vorstellungen weiterleben können. Eine Familie muss nicht mehr wissen, warum ihre Vorfahren etwas getan haben. Trotzdem wird ein Brauch von den Großeltern an die Kinder und Enkel weitergegeben. Irgendwann heißt es einfach: Das haben wir immer so gemacht.
Und genau dort lohnt es sich, wieder hinzuschauen.
 
Räuchern zum heidnischen Erntedank

Auch Rauch gehört zum heidnischen Brauchtum. Kräuter, Harze und Hölzer werden langsam verglüht, und der Rauch steigt nach oben. Er begleitet den Dank an die Götter, Gebete, Reinigung und den Übergang von einer Jahreszeit in die nächste.
 
Für Mabon brauchen wir kein seltenes oder exotisches Räucherwerk. Wir können Pflanzen verwenden, die auch bei uns wachsen. Besonders gut passen Beifuß, Wacholder und Fichten- oder Kiefernharz. Dazu können Schafgarbe, getrocknete Apfelschalen oder einige Kräuter aus dem eigenen Garten gegeben werden.
Der Beifuß passt zu Übergängen und zum Loslassen. Wacholder wird mit Schutz und Reinigung verbunden. Das Harz bringt den Duft des Waldes in das Räucherwerk. Getrocknete Apfelschalen verbinden die Räucherung direkt mit der Ernte und mit Idun.
 
Man kann eine kleine Mischung aus Beifuß, einigen zerdrückten Wacholderbeeren, etwas Harz und getrockneten Apfelschalen herstellen. Das Räucherwerk wird auf einer feuerfesten Unterlage langsam verräuchert. Dabei können wir den Göttern für das danken, was in diesem Jahr gewachsen ist.
Wir danken für die Erde, für den Regen, für die Sonne, für unsere Nahrung, für die Tiere und für unsere eigene Ernte. Und wir geben mit dem Rauch etwas zurück.
Damit wird das Räuchern nicht einfach zu einem schönen Duft im Raum. Es wird Teil unserer Danksagung an die Götter und an die Natur.
 
Erntedank und das Christentum

Der Dank für die Ernte ist wesentlich älter als das Christentum. Menschen dankten ihren Göttern für Getreide, Früchte und Nahrung lange bevor Europa christianisiert wurde. Als sich das Christentum ausbreitete, verschwanden diese Erntebräuche nicht einfach. Viele wurden übernommen und mit einer neuen christlichen Bedeutung versehen.
 
Aus dem Dank an die alten Götter wurde der Dank an den christlichen Gott. Früchte, Ähren, Brot, Erntekränze und geschmückte Altäre blieben jedoch Teil des Festes.
Das christliche Erntedankfest wird in Deutschland heute meistens am ersten Sonntag im Oktober gefeiert. Im Jahr 2026 ist das der 4. Oktober. Einige Gemeinden feiern je nach Region und Erntezeit an einem anderen Sonntag.
 
Für uns Heiden liegt der Erntedank im Jahreskreis bereits an der Herbst-Tag-und-Nachtgleiche. Wenn wir Mabon feiern, einen letzten Apfel am Baum hängen lassen, der Erde etwas zurückgeben, gemeinsam essen oder Kräuter und Harze verräuchern, führen wir diesen Gedanken weiter.
Wir danken nicht, weil ein Kalender uns sagt, dass heute Erntedank ist.
Wir danken, weil wir sehen, was die Erde hervorgebracht hat.
Wir nehmen. Wir danken. Wir teilen. Und wir geben etwas zurück.
 
Artikel von Liebeguteseele
(Dualseelen-, Heiden-, Kräuter-, Seelen-, Zwillingsseelen- und Karmaseelenexpertin) 

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